Architekt Heinz Plöderl: „Wels hat de facto keine Stadtplanung.“5 min read

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Heinz Plöderl ist seit 25 Jahren Wahlwelser und attestiert der Stadt eine fatale Entwicklung im Bereich Stadtplanung und der fehlenden Einbindung der Bürger. Er wünscht sich, dass der Gestaltungsbeirat öffentlich tagt und neben Architekten und Politikern auch Historiker am Tisch sitzen.

Herr Plöderl, Bürgermeister Rabl bemängelt derzeit die einfältige Baukultur der sogenannten „Schuhschachtel-Bauten“. Sollte man wieder historisierend bauen?

Ich will mich in diesen Streit gar nicht einmischen. Mich stören weder moderne noch historisierende Fassaden. Aber das ist nicht mein Thema. Man muss sich viel mehr Fragen stellen als die der Fassadengestaltung. Raum- und Stadtplanung ist in Wels de facto nicht existent. Das ist ein gewaltiges Problem und es ist an der Zeit, das zu ändern. Eigentlich würde ich Rabl so einschätzen, dass er das Verständnis dazu hätte, hier Änderungen herbeizuführen, oder  er scheitert auch an seiner Umgebung und seinem Netzwerk. Ich hoffe, dass er noch bedeutende Änderungen hinterlassen will.

Was sollte der Bürgermeister tun?

Es fehlt an Transparenz. Die Architektur-Wettbewerbe sind nicht offen und werden mit einer nicht unabhängigen Jury besetzt. Der Gestaltungsbeirat wird nur als Feigenblatt benutzt und muss als Prügelknabe für negative Entwicklungen herhalten, obwohl er nur berät und überhaupt nichts entscheidet. Dieser sollte öffentlich tagen und die Bevölkerung sollte daran teilnehmen können. 

Der Gestaltungsbeirat besteht derzeit aus drei Architekten, wobei jeder davon abwechselnd 3 Jahre Mitglied ist –  wenn nach 3 Jahren  1 Mitglied ausscheidet, bleiben die anderen beiden noch 1 bzw. 2 Jahre. Sollte der Beirat nicht auch mit einem Historiker ergänzt werden, um auch der Stadtgeschichte gerecht zu werden?

Ja, sicherlich. Der Gestaltungsbeirat ist ja ein beratendes Gremium und könnte somit so breit wie möglich aufgestellt sein.

Sind Siedlungen wie Laahen im Sinne des Gestaltungbeirats?

In Laahen wird gerade das Problemviertel der Zukunft gebaut. Als der erste Teil gebaut wurde, gab es einen Gestaltungswettbewerb. Das Siegerprojekt wurde aber verworfen. Dieses sah eine ganz andere Qualität einer Bebauung vor. Die Zeilenbebauung ist längst überholt und sorgt für einen monotonen öffentlichen Raum.

Die Welser Heimstätte argumentiert ja, sie mmüsse sich an die Vorgaben der Wohnbauförderung des Landes Oberösterreich halten.

Die Vorgaben der Wohnbauförderung sorgen dafür, dass trotzdem kein bezahlbarer Wohnbau möglich ist und keine attraktiven Lebensräume und Wohnungen gestaltet werden. 

Es wird Billigstbauweise vorgeschrieben, mit dem Argument, dass dadurch die Mieten günstiger werden. Der Schein trügt aber: Wirklich teuer sind dann die Gesamtkosten der Wohnungen bzw. Wohngebäude: 20% für die Errichtung, 20% für die Instandhaltung und 60% für die Betriebskosten (Heizen und Kühlen).

Welcher Weg wäre der richtige, um echten sozialen Wohnbau zu gewährleisten?

Hier lohnt sich ein Blick in die Schweiz. Wenn dort etwas neu gewidmet wird, muss der Bauherr einen Teil der Öffentlichkeit abtreten. Sprich, wenn ein Bauer seinen Landwirtschaftsgrund in Baugrund umwidmen lässt, fallen 20-50% der Fläche zum doppelten Grünlandpreis der Gemeinde zu. In Österreich fällt der Planungsmehrwert aber rein den Investoren zu. Der Steuerzahler muss jedoch die nötige Infrastruktur vor den Häusern bezahlen. Das ist eine große Ungerechtigkeit.

Hier wäre das Land Oberösterreich am Zug.

Ja, aber wie auch bei der Wohnbauförderung steht dieses unter dem Einfluss eines falschen Wirtschaftens.

Kann Wels auch regulierend bei Umwidmungen eingreifen und sich „Deals“ mit Bauherren ausmachen? Zum Beispiel, dass man die Fassade hochwertig gestalten muss? Laut Stadt Wels ist das nicht möglich, da der Bauträger nach der Genehmigung die Fassade abändern kann. Hier wird immer argumentiert, in Österreich sei das Eigentumsrecht so groß.

Das sehe ich rechtlich, volkswirtschaftlich und gesellschaftspolitisch ganz anders. Wenn etwas gewidmet wird, wird ja das Eigentum durch die Öffentlichkeit aufgewertet. Sicher kann die Stadt hier Forderungen stellen. Bei Möglichkeit auch mit einem Vertrag. Wenn die Stadt aber die Ausführung der Fassade im Baubescheid bis ins letzte Detail festlegen würde, dann wird die Abänderung im Nachhinein viel schwieriger. Wenn es nur eine Zeichnung gibt ohne Detailbeschreibung, geht das natürlich viel einfacher. Die Kommune als Vertreter der Bürger soll das festlegen und auch einfordern können.

Neben den Baukörpern selbst ist ja auch der öffentliche Raum davor wichtig.

Genau, und für diesen stellen wir als Gesellschaft keine Anforderungen an die Investoren. Ein Haus baut keiner für sich allein. Daher ist es wichtig, dass Gebäude ihren Beitrag für einen lebenswerten urbanen Raum schaffen. Die Größe, die Kubatur und die Fassade stehen bereits im Übergang vom Privatbereich in den öffentlichen Raum. Besonders das, was im Erdgeschoß passiert, ist Teil des öffentlichen Lebens. Eine Stadt zu planen und zu bauen ist eine hochkomplexe Arbeit und erfordert auch einen breiten Diskurs und Einbindung der Öffentlichkeit. 

In der Schweiz werden die Entwicklungen über Einbindung der Bürger hoch professionell abgewickelt. Die Leitprojekte aus städtebaulichen Wettbewerben werden breit diskutiert und weiterentwickelt. Darüber stimmen die Bürger dann verbindlich ab, ob diese Entwicklung auch verbindlich realisiert wird. Nicht umsonst gilt die Schweiz als Land mit hochwertigster Orts- und Stadtentwicklung mit hervorragender Architekur.

Kommen wir nochmals nach Wels: Die alten Hallen im Messegelände Ost sollen ja abgerissen und durch einen Park ersetzt werden. Ist es schlau, diesen wertvollen und zentralen Platz nicht für Stadtentwicklung zu nützen?

Das Messegelände Ost gehört als multifunktionales lebendiges Stadtquartier entwickelt – Freiräume mit großzügiger Be- und Durchgrünung sind dabei für mich selbstverständlich.

Gibt es auf Beamtenebene jemanden, dem Sie die nötige Offenheit und Kompetenz für erforderliche Veränderungen zutrauen.

Manches liegt in der Ohnmacht der derzeitigen Strukturen. Ich sehe aber durchaus Engagement, Kompetenz und Potential bei Einigen.